Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.

„Ich bin der gute Hirte …“ (Joh. 10,11)

Was geht einem beim Hören dieser Worte nicht alles durch den Kopf? Ein Hirte steht einem vor Augen umringt von seiner Herde, vornehmlich Schafen, die von ihm behütet und bewacht friedlich auf einer grünen, saftigen Wiese grasen. Und wenn es dann wenig später heißt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“, ist es wie eine Bestätigung dieses Eingangsbildes. Es scheinen wahrhaft paradiesische Verhältnisse zu sein, die einem da vor Augen gemalt werden, beschreiben diese Worte doch eine Situation, die von einem tiefen Vertrauen geprägt ist. Es ist ein Bild voller Harmonie, das zum Träumen einlädt, denn nichts scheint dieses Idyll zu trüben. Spontan könnte man sagen: „Hier ist gut sein, -hier lasst uns Hütten bauen“ (Mk. 9,2ff).

Bei näherem Hinsehen ist allerdings keine romantische Gefühlsduselei angesagt, sondern der Ernst des Lebens beschrieben. Der Hirte, der hier vor uns steht, befindet sich auf keinem Sonntagsspaziergang. Nein, sein Hirtenamt erfordert von ihm ganzen Einsatz. „Er gibt sein Leben für die Schafe“, so ist im Text weiter zu lesen. Dieser letzte und tiefste Einsatz macht ihn zum guten Hirten und unterscheidet ihn von Schönwetterhirten oder, wie es im Text heißt, von Mietlingen. Die Schafe, die sich ihm zugehörig wissen, dürfen sich auf ihn verlassen. Er ist bereit, sich zwischen sie und jedwede Gefahr zu stellen. Er will sie nicht nur, um das Eingangsbild aus Psalm 23 aufzunehmen, auf eine grüne Aue und zum frischen Wasser führen. Er weicht auch dann nicht von ihrer Seite, wenn es, wie es dort weiter heißt, durchs dunkle Tal geht. Er geht wirklich voran.

Tröstliche Gedanken sind es, die sich hieraus ergeben. Gerade jetzt in der nachösterlichen Zeit werden wir daran erinnert, weil Jesus selbst dieses Bild auf sich selbst bezog. Er ist der gute Hirte, und auch wenn uns das Bild von den Schafen nicht so gefallen will, so möchte es uns doch bewusst machen, dass sein Hirtendasein zielgerichtet ist und uns zum Inhalt hat. Auch wenn wir uns noch so erwachsen und emanzipiert fühlen, so müssen wir im Blick auf die letzten und tiefsten Fragen unseres Lebens doch oft genug kapitulieren. Bereits eine harmlose Krankheit kann uns zuweilen aus der Bahn werfen, uns orientierungslos und hilflos machen. Geht es dann aber um letzte Fragen oder um Schuld und Versagen, dann sind wir erst recht mit unserem Latein am Ende. Wie schön, wenn dann einer auf uns zukommt, uns die Hand reicht und uns aus unseren Sackgassen herausführt oder herausträgt, um unsere Füße auf freien Raum zu stellen. Es ist ein neues Stück Leben, das uns dann in den Schoß gelegt wird, -eines, das wir nicht verdient haben, sondern geschenkt bekommen. Was wir im menschlichen und zwischenmenschlichen Bereich manchmal wohltuend erfahren, will dieser Herr, der sich uns als der gute Hirte vorstellt, in umfassender Weise schenken. Die Grenzen unseres Lebens sind für ihn keine Begrenzung mehr. Er hat den Tod überwunden und will auch uns mit ewigen Leben beschenken. Und so möchte ich uns alle einladen, seine Hand zu ergreifen, auf seine Stimme zu hören, ihm nachzufolgen, sprich, sich auf ihn ohne Wenn und Aber einzulassen, weil er es uneingeschränkt gut mit uns meint.

 

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen frohe und gesegnete nachösterliche Tage

Ihr Friedrich Reitzig, Pfr. und Kurseelsorger

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