Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben (Spr. 14,34)

 

Liebe Leserinnen und Leser,

mit dem Buß- und Bettag endet die ökumenische Friedensdekade. In diesem Jahr stand sie unter der Überschrift „solidarisch?“. Ein Wort nur, aber mit einem Fragezeichen versehen. Herausfordernd, provokant stellt es uns eine Frage und damit auch in Frage. Wie leben wir? Sind wir uns selbst genug oder vermögen wir auch über den Tellerrand unseres Lebens hinauszublicken und die Menschen um uns herum wahrzunehmen? Man kann darüber durchaus ins Sinnieren kommen. Wir sind aufgefordert, uns stets neu intensiv im Spiegel zu betrachten. Wer sind wir, und wie sind wir? – Solidarisch?

Es ist die Aufgabe, vor die uns der Buß- und Bettag stellt. Er lädt ein zum Innehalten und Bilanz zu ziehen, - nicht in allgemeiner Form, sondern mit Blick auf Gott. Gerechtigkeit erwartet er von uns, und das heißt: wir sollen allen dieselben Rechte zugestehen, die wir selbstverständlich für uns in Anspruch nehmen. Das aber ist mehr, als uns vom Sprichwort aufgetragen wird: „Was du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Nein, Gottes Recht ist umfänglicher. Es trägt uns auf: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben … und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Gottes Recht ist mit Liebe verbunden, - einer Liebe, die ihren Wurzelgrund in Gott hat. Vor ihm sind nicht nur alle Menschen gleich, wir sollen einander vielmehr Schwestern und Brüder sein, uns also als eine große Familie begreifen, in der einer für den anderen eintritt, - mit ihm solidarisch ist.

Wie aber sieht es unter diesem Blickwinkel betrachtet aus, wenn wir an Lampedusa denken und das Elend von vielen tausend Menschen, die Hilfe und Schutz suchen vor Krieg und Verfolgung, - vor Hunger und mannigfacher materieller Not? Wie sieht es aus, wenn wir an die Philippinen denken und die Verwüstungen, die der letzte Taifun dort hinterlassen hat? Was empfinden wir, wenn wir an die Arbeitssklaven denken, ob sie für uns in fernen Ländern schuften, damit wir billig einkaufen können, oder in Sotschi für die olympischen Sportstätten? Lässt es uns kalt, wenn in unserem Land Menschen um den Lohn ihrer Arbeit betrogen werden? … Gerechtigkeit ist ein hohes Gut. Was aber, wenn sie uns etwas kostet, weil wir etwas von unserem Wohlstand und Profit an Schwache, Arme und Notleidende abgeben sollen? Jesus sagt im Gleichnis vom großen Weltgericht: „Was ihr getan habt einem, von diesen meinen geringsten Brüdern (und Schwestern), das habt ihr mir getan.“ Er erwartet also von uns in Gottes Namen eine Solidarität, sprich Gerechtigkeit, die sich nicht in Worten erschöpft, sondern zur Tat wird, denn Gerechtigkeit erhöht ein Volk.

Dann aber kommt das große „Aber“: Die Sünde ist der Leute Verderben. Ein Satz wie dieser kann einen zusammenzucken lassen. Doch berührt er uns wirklich? Ist Sünde noch ein Thema für Menschen des 21. Jahrhunderts? Für viele ist sie eine Vokabel aus der Mottenkiste längst vergangener Tage. Man hat sie abgelegt unter „überholt“ und „uninteressant“. Ist sie das aber wirklich? Betrachtet man den Zusammenhang etwas genauer, stellt man schnell fest, sie beschreibt hier den Verstoß gegen die Gerechtigkeit, - also unsolidarisches, man könnte auch sagen, egoistisches Verhalten. Das aber ist und bleibt hoch aktuell, - besonders in Zeiten, in denen sich jeder nur zu schnell selbst zum Nächsten wird. Die Bibel bringt dies mit Verderben in Verbindung, mit Erfolglosigkeit und Ruin. Manche Krise unserer Tage belegt die Richtigkeit dieser Sichtweise. Wer den anderen nicht zu seinem Recht kommen lässt, bringt sich am Ende selber ums Recht, -biblisch ausgedrückt um den Segen, -profaner um den Erfolg der eigenen Arbeit.

Der Buß- und Bettag lädt uns deshalb zur Einkehr und gegebenenfalls zur Umkehr ein, und zwar in dem Sinn, den Martin Luther einst im Katechismus in die Worte gefasst hat: „Buße tun heißt umkehren in die offenen Arme Gottes,“ – sich von ihm zu einer Richtungsänderung bewegen lassen. Nicht dass wir darüber etwas verlieren, nein zum Gewinn soll es uns werden, - zum Gewinn des Nächsten nämlich und einer gemeinsamen und gesegneten Zukunft, die im Zeichen von Recht und Gerechtigkeit steht.

 

Pfr. Friedrich Reitzig, Kurseelsorger

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Dr. Friedrich Reitzig, Pfr. i.R.