Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Sonnenblumen - ein Motiv aus dem Thomasverlag Leipzig

 

 

Geh aus, mein Herz, und suche Freud ...

 

Liebe Leser!


Ist es nicht etwas Besonderes, jemanden ausführen zu dürfen? Im Vorfeld überlegt man sich, wohin es gehen soll. Man plant, organisiert und ist gespannt, wie das Gegenüber wohl reagieren wird? Wird man den über die Einladung gesetzten Erwartungen am Ende gerecht werden, so dass man im Nachhinein auf ein paar schöne und erfüllte Stunden zurückzublicken vermag, in denen man sich näher gekommen und wirklich begegnet ist? Fragen und Gedanken sind es, die eine gewisse Nervosität zur Folge haben.

 

Derartige Fragen sind Paul Gerhardt wohl kaum durch den Kopf gegangen, lädt er doch nicht irgend jemanden ein, sondern möchte sein Herz ausführen. Ihm will er die Sommerzeit mit all ihrer Schönheit vor Augen führen. Er schaut in die Gärten, bestaunt die Blumen, freut sich an den Bäumen, lauscht dem Gesang der Vögel. Ob’s die Lerche ist oder die Nachtigall, das Huhn auf dem Hof oder die Schwalben, - sie alle beeindrucken auf ihre Weise. Und dann lässt er seinen Blick übers Land schweifen, - die Felder, den See, ein vor sich hin plätscherndes Bächlein. Es ist ein Blick auf die Welt, bei dem einem das Herz aufgehen kann. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, der sehe und staune über das Leben in seiner Fülle und Vielfalt. Sie zu entdecken, schickt er sein Herz auf Reisen und öffnet seinen Mund zum Lob Gottes: „Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.“ (EG 503,8). Ganz offenkundig ist er von der Welt überwältigt, in der er lebt, und von dem, was er zu sehen bekommt.

 

Können wir uns von seiner Faszination und Freude anstecken lassen? Wir leben in einer schönen Welt und werden in diesen Tagen wieder reich beschenkt mit dem, was wir zum Leben brauchen. Was draußen gewachsen ist und jetzt geerntet werden darf, zeigt doch auf seine ganz besondere Weise: Gott sorgt für uns und unser tägliches Brot. Wir sind von ihm nicht vergessen.

 

Diese Erkenntnis lässt sich auch auf die Zeit von Reha und Kur übertragen, will sie doch eine Zeit der Hilfe sein, - nicht nur im Blick auf körperliche Beschwerden, die sich per Medikamente, Massagen, Bäder ... lindern lassen, sondern auch in Bezug auf die Seele. Diese Zeit jenseits des Alltags möchte zu einer Atempause für die Seele werden und zu einer Zeit, in der wir einmal unser Herz ausführen und an den Wundern dieser Welt teilhaben und genießen lassen. Da bietet der Morgen etwas anderes wie der Abend, der Mittag anderes wie die Nacht. In jedem Augenblick liegen besondere Eindrücke, die zum Verweilen einladen, - zum Staunen und zur Freude. Man muss sich nur ein wenig Zeit nehmen und hinsehen. Für das Wunder des Lebens und Gottes Schöpfung möchte uns Paul Gerhardt gerade in diesen Tagen die Augen öffnen, indem er uns einlädt mit ihm zu singen: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerszeit an deines Gottes Gaben; schau an der schönen Gärten Zeit und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.“

 

Ihr Pfr. Friedrich Reitzig, Kurseelsorger

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