Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.



Themenartikel

 

 

 

Der Gang nach Jerusalem

 

Kurz waren die tollen Tage in diesem Jahr. Nun hat die Passionszeit begonnen und mit ihr der Blick auf das Leiden und Sterben Jesu. Jesus selbst markiert diesen Wendepunkt seines Lebens mit den Worten „Seht wir gehen hinaus nach Jerusalem“ (Lk. 18, 31). Es ist ein Wort an seine Jünger, mit dem er sie auf das einzustimmen versuchte, was vor ihm lag und unausweichlich auf ihn und sie zukommen würde, -etwas, was für sie in jenen Tagen fernab von jedem Wirklichkeitsbezug lag. Es war doch alles so schön und harmonisch. Jesus hatte in seinem Wirken einen durchschlagenden Erfolg. Über seine wortgewaltige Predigt unterstützt durch Wunder und dem sich daraus ergebenden Rückhalt in der Bevölkerung schien er unantastbar zu sein. Er sprach und es geschah so, ganz wie zu Beginn der Schöpfung.

 

Jetzt geht sein Blick nach Jerusalem. Dort sollte, wie die Fortsetzung jenes Aufbruchswortes zeigt, alles vollendet werden. Was sich zunächst positiv anhört, offenbart schnell seine ganze Dramatik. Der Menschensohn, so lässt er seine Jünger zum wiederholten Male wissen, wird den Heiden überantwortet, verspottet, misshandelt und schließlich zu Tode gebracht. Wissentlich stellt er sich diesem Leidensweg und bezieht seine Jünger mit ein, indem er sie mit sich nach Jerusalem führt. Kein Happyend ist damit angesagt, sondern eine Katastrophe par excellence, -zumindest in den Augen der Jünger, auch wenn über dem allem doch schon das Morgenlicht der Auferstehung heraufdämmert.

 

Jerusalem, der Ort der Entscheidung. „Sie aber begriffen nichts davon“, heißt wenige Zeilen später. Solche Gedanken hatten in ihrem Kopf keinen Platz. Und bei uns? Mit dem Aschermittwoch ist es auch bei uns zu einer Zäsur gekommen. Zwar gehen wir nicht so real wie die Jünger nach Jerusalem, wohl aber sollen wir ihn in Gedanken begleiten. Aber schaffen diese 180 Grad Wendung? Begreifen wir, die wir ja wissen, was geschah und warum es geschah? Oder lautet unser Resümee wie bei Faust „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“? Die Passionszeit ist von Anbeginn eine Herausforderung an das menschliche Denken und Fühlen gewesen. Vorrangig sieht man den leidenden und sterbenden Herrn und verdrängt, dass es verbunden ist mit dem paulinischen „für Euch“ oder wie Petrus formuliert (1. Ptr. 2,24) „der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“ Das alles hat also mit uns zu tun. Es war kein wie auch immer gearteter Selbstzweck Jesu. Nein, so wurde er uns zum Heiland. Wir haben das nötig (gehabt), weil unser Leben von der Sünde geprägt ist. Moderner könnte man vielleicht formulieren: „Es ist geprägt von der Gottvergessenheit.“

Mit diesen Gedanken freunden wir uns in der Regel nur schwer an. Angenehmer wäre es, einander zuzurufen und zuzugestehen „wir kommen alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind.“ Doch indem wir uns so ins rechte Licht zustellen versuchen, knüpfen wir nahtlos an die Worte der Schlange aus dem Paradies an, die zu Eva sagte: „Sollte Gott gesagt haben …?“ Gott in Frage zu stellen, um sich selbst in ein besseres Licht zu stellen, ist bis in unsere Tage nicht ausgestorben. Und dabei will Gott uns ja nichts nehmen, sondern nur geben, -unser Heil nämlich und mit ihm das ewige Leben. Durch den Tod seines Sohnes hat er die Grundlage der Auferstehungshoffnung gelegt. Auch wenn wir es vielleicht im Augenblick nicht verstehen, was das im Letzten und Tiefsten bedeutet, so sind wir dennoch eingeladen, uns von ihm bei der Hand nehmen zu lassen und sein Leiden und Sterben zu bedenken, sprich mit ihm nach Jerusalem hinaufzugehen, um ein Stückchen mehr von dem zu begreifen, was er für uns tat.

 

In diesem Sinn wünscht Ihnen allen eine gesegnete Passionszeit

Ihr Kurseelsorger Pfr. Friedrich Reitzig

 

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