Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.

Advent, Zeit des Wartens, Zeit des Hoffens – wirklich?

Liebe Leserinnen und Leser!

Gewiss, schon der Name ist Programm. Advent kommt vom lateinischen „advenire“ und heißt übersetzt „ankommen“. Aber folgt daraus ein Warten und Hoffen? Schließlich findet sich der Begriff jährlich im Kalender wieder und signalisiert eine eingespielte Routine. Es wie bei einem Fahrplan. Er führt auch viele Ankunftszeiten von Zügen, Bussen, Flugzeugen etc. auf. Aber dadurch löst er bei uns noch längst kein Warten und Hoffen aus. Wir nehmen die Ankunftszeiten allenfalls zur Kenntnis. Ansonsten lässt es uns unberührt.

 

Ganz anders ist es, wenn wir die Nachricht erhalten „Ankomme …(z.B. Freitag, den 13., um 14.00 Uhr, Christine)“. Solch eine Nachricht elektrisiert, spornt zu Vorbereitungen an, löst Freude aus. Reinhard Mey hat es in seinem gleichnamigen Song treffend beschrieben. Plötzlich wird aus dem Fahrplan eine konkrete Erwartung verbunden mit entsprechenden Hoffnungen. Die Zeit, die zwischen der Ankündigung der Ankunft und dem Eintreffen des Gastes liegt, soll möglichst effektiv genutzt werden, damit man nachher den Gast entsprechend bewirten kann, aber auch für ihn die gewünschte Zeit hat.

Was ist von alledem im Blick auf die Adventszeit übriggeblieben? Ist’s nur noch ein Fahrplan, den man zur Kenntnis nimmt, oder ist damit eine konkrete Erwartung verbunden? Haben wir in diesen Tagen überhaupt noch Zeit zum Warten, -Zeit, uns innerlich auf das einzustellen, woran uns die Adventszeit einstimmen möchte? Da werden wir von allerlei Feiern in den Betrieben und Vereinen, aber auch in der Kirche in Beschlag genommen und im Vorfeld vom Stress der Vorbereitungen. Dazu kommt das zuweilen krampfhafte Suchen nach Weihnachtsgeschenken, was in einer Zeit, in der man im Grunde alles hat, ein Stressfaktor besonderer Art ist. Und vieles, was früher noch besonders war, die Weihnachtsbäckerei etwa mitsamt der dazugehörenden Dekoration, das begleitet uns in den Geschäften zum Teil bereits seit den Sommerferien. Ist Advent also noch das, was es sein sollte? Wie sieht es mit unserem Warten und Hoffen aus?

Hermann Stern hat seine Gedanken und Gefühle in folgendes Gedicht gefasst:

Wartende sind wir, Tag um Tag. / Es wartet ein jeder, worauf er mag: / auf Freude, auf Frieden, auf Geld. / Doch wer auf den Heiland der Welt? - Suchende sind wir, in Dunkel und Licht. / Es suchet ein jeder, was ihm gebricht: / die Schönheit, die Liebe, die Macht. / Doch wer hat an Christus gedacht? - Wecke das Sehnen nach deinen Zeichen, / lass deine Liebe die Welt erreichen, / jetzt im Advent. - Öffne die Herzen von Sündern und Frommen, / erfülle den Erdkreis mit deinem Kommen, / jetzt im Advent. (in: Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für Württemberg, Gesangbuchverlag, Stuttgart 1996)

Das Warten ist also auch in unseren Tagen nicht ausgestorben. Das Hoffen und Warten auf den Heiland der Welt aber befindet sich in einer Krise. Brauchen wir ihn noch? Wäre hier nicht eine Neubesinnung angesagt, -eine Denkrichtung, die sich weg von materiell irdischen hin zu himmlischen und göttlichen Werten bewegt? Das Warten, zu dem uns die Adventszeit einlädt, möchte uns auf Lebensperspektiven mit Ewigkeitswert verweisen, denn Advent erinnert an das Kommen des Heilands der Welt.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen gesegnete und erfüllte Adventstage, die sichtbar werden lassen, warum und dass sich das Warten lohnt.

Pfr. Friedrich Reitzig, Kurseelsorger.

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