Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.

 

Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! … Jes. 1, 17 (E)

 

 

Liebe Leserinnen und Leser!

„Lernt, Gutes zu tun!“ Ist solch ein Auftrag nicht eine Zumutung oder gar eine böswillige Unterstellung? Wird einem da nicht indirekt unterstellt, wir würden nichts Gutes tun? Denn wer lernen soll, Gutes zu tun, beherrscht es ganz offenkundig nicht. Kann und darf man das aber so sagen? Man denke nur an die diversen Spendenaufrufe, wenn es um Katastrophenhilfen geht, um die Linderung der Nöte in Kriegs- und Krisengebieten, oder ganz einfach vor Ort um Gaben an die Kirchengemeinden oder das DRK oder die verschiedenen Tafeln mit ihren Hilfen für Bedürftige im Land, -ganz zu schweigen von den vielen kleinen und unscheinbaren Hilfsdiensten in der Nachbarschaft oder im Verwandtenkreis. Man könnte eine lange Liste sogenannter guter Werke zusammenstellen, um so die Forderung des Propheten Jesaja zu entkräften und sich selbst ins rechte Licht zu setzen.

Gleiches gilt für die weiteren Forderungen, die der Monatsspruch für den November enthält „Sorgt für das Recht, helft den Unterdrückten, verschafft den Waisen Recht, tretet für die Witwen ein!“ Voller Entrüstung könnte man fragen, sonst nichts mehr? Haben wir denn für alles verantwortlich zu zeichnen? Wozu zahlen wir denn Steuern und wählen Volksvertreter, die für die entsprechenden Gesetze zuständig sind? Sollen sie doch für Recht und Gerechtigkeit sorgen. Dafür sind sie gewählt und werden sie bezahlt.

Gewiss, wir müssen uns nicht jeden Schuh anziehen lassen. Aber gar zu schnell entlässt uns der Prophet auch nicht aus der Verantwortung, -gerade im November nicht mit seinen so besonderen Gedenktagen. Denn wir leben noch längst nicht im Paradies. Wie man eine Liste der guten Taten zusammenstellen kann, könnte man umgekehrt in genau derselben Weise eine mindestens ebenso lange Mängelliste der Ungerechtigkeiten zusammentragen bis hin zu bewusster Rechtsbeugung. Dafür muss man nicht in ferne Länder reisen. Ein Blick vor die Haustüre oder auch ins eigene Leben genügt. So perfekt und edel, wie wir gerne zu sein vorgeben, sind wir nämlich nicht. Durch unseren Lebensstil ruinieren wir die Umwelt allen Umweltschutzprogrammen zum Trotz. Lebensmittel werden vernichtet, um Preise zu stabilisieren, ungeachtet dessen, dass andernorts Menschen vor Hunger sterben. Für billige Kleidung lassen wir in Drittländern Frauen und Kinder für einen Hungerlohn und unter erbärmlichen Umständen arbeiten. Wir ertragen und akzeptieren alltägliche Ungerechtigkeiten Kindern gegenüber, denen eine ordentliche Ausbildung verwehrt wird oder die ihres Geschlechts wegen benachteiligt werden. Das Nobelkomitee hat mit der Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises darauf den Finger gelegt. Und die beiden Ausgezeichneten, Malala Yousafzai und Kailash Satyarthi, zeigen durch ihr Beispiel, nicht hilfloses Achselzucken ist gefragt nach dem Motto, was kann ich denn schon tun, sondern offene Augen sind angesagt und ein Kampf gegen Unrecht und Benachteiligungen, und zwar vor Ort. Dort, wo wir leben. Nicht indem wir nach dem Friedensnobelpreis oder ähnlichen Auszeichnungen schielen, sondern um dem Menschen neben uns zu seinem Recht zu verhelfen, ihm Gutes tun und gleichzeitig versuchen, Schaden von ihm fern zu halten.

„Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten, verschafft den Waisen Recht, tretet für die Witwen ein!“ Diese Forderung des Propheten Jesaja gilt nicht für längst vergangene Tage oder besonders schwierige Zeiten, sondern auch für unsere Tage und unser Leben. Gott schenke uns deshalb offene Augen, damit wir sehen, wo wir anzupacken haben, und den Mut, für Recht und Gerechtigkeit einzutreten, ohne Ansehen der Person, vornehmlich aber für die Schwachen und Hilfsbedürftigen.

Pfr. Friedrich Reitzig, Kurseelsorger.

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