Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.

Eingeladen zum Staunen

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Psalm 19 besingt in seinen Eingangszeilen auf eindrucksvolle Weise die Schöpfung und den Schöpfer. Der Beter blickt zum Himmel und staunt. Er schaut auf die Erde und ist beeindruckt von Gottes Spuren. Er scheint sich kaum satt sehen zu können an Himmel und Erde, die auf ganz eigene Weise von Gott erzählen. Alles ist so schön, wohlgeordnet, einfach überwältigend. Unmerklich wandelt sich dabei sein Staunen in Ehrfurcht und diese in stille Anbetung.

Doch dann beginnt er zu erzählen und sein Staunen in Worte zu fassen. Stilles Genießen ist ihm zu wenig und der Sache nicht angemessen. Er muss seine Freude über Gott in eigene Worte fassen und sie vor den Menschen kundtun. Jeder soll es wissen: „Wir leben in einer schönen, wunderbaren Welt, - für uns geschaffen und uns anvertraut von keinem Geringerem als von Gott selbst.“ Hierüber geht im das Herz über und dann der Mund.

 

Haben wir heute für all diese Schönheiten auch noch einen Blick? Wir sehen den Himmel und die Sterne. Oder sollte man besser sagen, wir nehmen sie zur Kenntnis? Was aber verbinden wir damit? Begriffe wie Universum, Sonnensystem, Galaxien, Unendlichkeit, Freiheit …. !? Und welche Gedanken bewegen uns beim Blick auf die Erde? Umweltverschmutzung, Klimakatastrophe, Raubbau an den Ressourcen, Endlichkeit, Gier, Unfriede … !? Ja, auch wir haben unsere Vorstellung von Himmel und Erde, -wissenschaftliche, technokratische, sehnsuchtsvolle und Angst besetzte. Die einen bringen den Kosten-Nutzen-Faktor ins Spiel, die anderen die Güterabwägung zwischen Gern-haben-wollen und doch besser Bleiben-lassen, weil unkalkulierbar (gefährlich).

 

Dem Psalmbeter sind diese Kategorien ziemlich fremd, weil er weder im Himmel noch in der Erde eine Sache sieht, aus der man etwas machen oder herausholen kann, sondern vor allem „seiner Hände Werk!“, -Gottes Schöpfung eben! Durch diese Brille sieht er die Welt, in der wir leben. Das lässt ihn staunen.

 

Gerade in den Sommermonaten könnten wir uns von ihm in diesem Staunen anstecken lassen und es auch einmal probieren, unsere Welt durch seine Brille zu betrachten. Denn Sommer steht für Urlaub, freie Zeit, Muße und damit hoffentlich auch für Ruhe und Stille durch den Abstand vom Alltag. Gleiches gilt für die Zeiten von der Kur oder Reha, in der ja die Uhren auch etwas anders laufen als sonst. Vielleicht ist letzteres sogar eine Zeit, in der man noch bewusster lebt und genauer hinschaut als sonst und sich auch an kleinen Dingen freuen kann wie an einer Blume, die still vor sich hinblüht, oder einem Vogel, der fröhlich sein Lied zwitschert, einer Biene, die emsig Honig sammelt, einem Schmetterling, der leicht durch die Lüfte schwebt. Bei vielem kann man innehalten und staunen oder sich davon inspirieren lassen. Auch vom Wasser, wenn es einen erfrischt, von den Bergen, wenn man von ihnen hinaus ins Tal blickt und anderem mehr. Wer hat das alles geschaffen und wie wunderbar bis ins kleinste Detail ausgestaltet?!

 

„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ sagt Jesus einmal (vgl. Mk. 4,9) „und Augen zu sehen, der sehe.“ Doch zum Hören bedarf’s einer gewissen Konzentration und zum Sehen einer gewissen Langsamkeit. Offene Ohren und Augen sind gefragt und wache Sinne, die nicht nur das Werk entdecken, sondern hinter ihm auch seinen Schöpfer. Oder mit dem Motto der Aktion Mensch ausgedrückt: Wir sollen und dürfen „Leben mit allen Sinnen.“ Dass uns solch ein Leben geschenkt wird -im Hören, Sehen, Fühlen …- und dann die Freude samt dem Staunen des Psalmbeters, das wünsche ich uns allen.

Pfr. Friedrich Reitzig, Kurseelsorger

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