Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.

Auf Vorschuss

 

Liebe Leserinnen und Leser,

„auf Vorschuss“, diese Worte sind in unseren Tagen etwas aus dem Mode gekommen. Früher sah man sich als Arbeitnehmer hier und dort genötigt, den Chef um einen Vorschuss zu bitten, wenn das Geld bis zum Monatsende nicht reichte oder eine größere Anschaffung anstand. Es war ein Gang, zu dem man sich überwinden musste. Heute ist der Kredit an seine Stelle getreten. Oft genug muss man nicht einmal darum bitten, sondern man bekommt ihn angeboten von der Bank, einem Kaufhaus oder per Werbebroschüre, damit man sich die Wünsche erfüllen kann, die man sich erfüllen möchte. Alles scheint einfach und unkompliziert. Doch hier wie dort geht es um Geld, das man ausgeben möchte, bevor man es verdient hat. Manch einer bekommt das dicke Ende im Nachhinein auf schmerzhafte Weise zu spüren.

 

Auf Vorschuss, das gibt es nicht nur in unserem Alltag. Auch Gott kennt ihn, aber auf ganz andere Weise. Von ihm sagt Paulus (Röm. 5,18): „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ Aus Liebe zu uns ist er in Vorleistung gegangen. Jesus ist für uns gestorben mit dem Ziel, aus uns andere Menschen zu machen. Das Prädikat „Sünder“ soll nicht mehr für uns gelten. Daran möchte uns die Passionszeit erinnern, in die wir zwischenzeitlich eingetreten sind. Doch was wird uns da alles vor Augen gestellt? Jesus, der hinaufgeht nach Jerusalem. Als Königsanwärter wird er dort empfangen und als Verbrecher wenige Tage später hingerichtet. Dazwischen liegt die Zeit seiner Erniedrigung. Man verspottet und verhöhnt ihn. Eine Dornenkrone setzt man ihm auf und lässt ihn geißeln. Am Ende steht einer vor uns, von dem Jesaja (53,2f) sagt: „Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg.“ Es ist die Armseligkeit in Person, die uns da gegenübertritt. Will man sich daran wirklich erinnern lassen?

Ja, dieses Bild zu betrachten, erfordert viel Energie. Doch wer sie aufbringt, sieht tiefer. Da tritt uns einer entgegen, der aus Liebe zu uns mit uns tauschte, wie es einst bei Barabbas der Fall war. Eigentlich sollte der als Verbrecher hingerichtet werden, doch das Volk forderte seine Freilassung und schickte Jesus mit einem „Kreuzige!“ in den Tod. Er ließ es sich gefallen und starb an seiner Statt. Ähnlich verhält es sich mit unserer Schuld und Sünde. Doch Jesus hat dafür bezahlt, nicht per Scheck oder Bargeld, sondern mit seinem Leben, damit wir die Chance auf Leben haben dem Tod zum Trotz. So wichtig sind wir ihm, dass er unsere Sünde auf sich nahm. Das ist der Freibrief, den er für uns ausgestellt hat. Nun ist es an uns, darauf zu antworten. In der Taufe hat er uns zu seinen Schwestern und Brüdern berufen und zu Gottes Kindern gemacht. So sieht Gottes Vorschuss aus. Er bittet uns, in die Gemeinschaft mit ihm einzutreten und am Ende ins Leben in seinem kommenden Reich.

 

Dass wir uns daran stets neu erinnern lassen und seine Hand ergreifen, wünsche ich uns allen jetzt in diesen Tagen der Passion.

 

Friedrich Reitzig, Pfr. und Kurseelsorger 

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