Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.

Der fremde Bekannte oder der bekannte Fremde


Liebe Leserinnen und Leser,
Ostern liegt hinter uns ebenso wie die Tage davor, Palmsonntag, Grün- donnerstag, Karfreitag, mit allem, was sie uns alljährlich ins Gedächt- nis zurückrufen: gespannte Erwar- tungen, enttäuschte Hoffnungen, Angst und Trauer, danach ungläubi- ges Staunen und schließlich der Jubel über das unfassliche Gesche- hen der Auferstehung. Ein ganzes Gewirr von Gefühlen liegt in diesen Tagen, so dass mancher sich schwer tut, sich ihnen und all den Geschehnissen, für die sie stehen, zu stellen. Bunte Eier und der Osterhase sind da viel unverfänglicher. Sie lassen sich schneller auf einen Nenner bringen als Ostern und seine Vorgeschichte. Doch damit nicht genug, was damals geschah und das Denken und Fühlen der Jünger aus den Angeln hob, hatte ein Nachspiel. Der einst so mit Jesus vertraute Jüngerkreis musste sich erst wieder an den alt bekannten Herrn und Meister gewöhnen, ihn verstehen und begreifen, was sich da alles zugetragen und verändert hatte.
Vierzig Tage waren dafür notwendig, so berichtet die Bibel. Jesus nahm sich also Zeit um die Jünger auf diesem Weg der Neuorientierung und des Begreifens zu begleiten, denn er, der mit ihnen durch Galiläa und Judäa gezogen war, ihnen gepredigt und Kranke geheilt hatte, war so ganz anders geworden. Der Bericht über die Emmausjünger macht dies exemplarisch deutlich. In dem Wissen um die Auferstehung Jesu waren sie morgens von Jerusalem nach Emmaus aufgebrochen. Sie hatten die Botschaft zwar gehört, aber Glauben konnten sie ihr keinen schenken. Sie erschien ihnen wohl wie das Phantasieprodukt irre geleiteter Geister, die die desaströsen Ereignisse der letzten Tage nicht wirklich zu verarbeiten in der Lage gewesen waren und nun Wahnvorstellungen erlegen waren. Traurig und verstört machten sie sich auf den Weg nach Hause. Als sich ein Fremder auf dem Weg zu ihnen gesellte, machten sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Sie erzählten, wie es in ihrem Inneren aussah. Am Ende des Weges hatten sie so viel Vertrauen zu ihm gefasst, dass sie ihm ein Nachtquartier anboten. Sie erwiesen ihm damit die Gastfreundschaft, die im Orient ohne Ansehen der Person selbstverständlich war. Er war für sie ein Fremder wie andere Fremde auch. Ihre Augen waren, wie es im Text heißt, gehalten. Sie sahen und begriffen nicht(s). Erst am Tisch, als er den Segen über Brot und Wein sprach, erkannten sie ihn, und ihr Herz wurde voll Freude.
Emmausjünger, gibt es die nicht auch noch heute? Können wir uns selbst nicht auch in ihnen wiederfinden? Manchmal gehen wir weite Wege, mühen uns zu begreifen, was uns als Evangelium (frohe Botschaft) verkündigt wird. Aber es dringt nicht durch. Es bleibt auf ganz eigenartige Weise an der Oberfläche hängen. Jesus ist um uns und begleitet uns, und wir sehen ihn nicht, weil wir wie Blinde durchs Leben gehen, blind für Gott und sein Handeln. Und dabei haben wir die Botschaft von der Liebe Gottes zu uns Menschen von Kinderbeinen an nicht nur einmal gehört, sondern unzählige Male. Der, der uns von klein auf vertraut ist, dessen Lebensweg wir uns Jahr für Jahr über den kirchlichen Festkalender vergegenwärtigen, bleibt uns über weite Strecken trotz aller Bekanntheit der fremde Bekannte, eine Gestalt aus einer anderen Zeit und Welt. Auch wir haben deshalb solche Zeiten intensiver Begegnung nötig wie die Emmausjünger. Wie ihnen möchte er nämlich auch uns begegnen und die Augen für seine Gegenwart und Nähe öffnen, in seinem Mahl zum Beispiel und durch sein Wort oder durch die Liebe von Menschen, die sie uns in seinem Namen zukommen lassen, so dass die Botschaft „Er ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ schließlich vom Kopf auch das Herz erreichen kann oder umgekehrt vom Herz den Kopf.
Solche Zeiten der Begegnung, in denen einem die Wahrheit und Wirklichkeit dieser frohen Botschaft bewusst und begreifbar wird, bezeichnet man gern mit dem griechischen Begriff „Kairos“, was soviel wie günstiger Zeitpunkt bedeutet, eine geschenkte Ausnahmezeit, in der Gott wirkt oder eine Gottesbegegnung Realität wird. Solche Zeiten möchte ich uns allen immer wieder wünschen, damit wir in dem fremden Bekannten unseren Herrn und Heiland zu erkennen vermögen.
Kurseelsorger Friedrich Reitzig, Pfr.

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