Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.

Siehe, dein König kommt zu dir, …

Liebe Leserinnen und Leser,

ein Satz wie dieser scheint irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein, verkündigte doch Philipp Scheidemann am 09. Nov. 1918: „Der Kaiser hat abgedankt. […] Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik.“ Damit hatte sich alles verändert. Seither leben wir, wenn auch nicht immer in einem demokratischen Staat, so doch in keinem monarchistischen mehr. Der Blick in die Regenbogenpresse aber zeigt, das Interesse an den Royals ist ungebrochen. Ja, offenbar herrscht eine stille Sehnsucht nach der „guten, alten Zeit“. Ihr Glanz und Glamour faszinieren und elektrischen immer wieder neu.

 

Dieser untergründigen Sehnsucht scheint dieser Satz neue Nahrung zu geben. Mit einem aufrüttelnden „Siehe“ beginnt er und bittet um Aufmerksamkeit, verlangt ein Aufblicken, möchte uns aus dem Allerlei des Alltäglichen herausholen und auf Neues und Besonderes einstimmen. „Siehe“, dieses Wort kommt einem Stupser gleich, mit dem man jemandem, der nicht bei der Sache ist, aus seiner Traumwelt in die Wirklichkeit zurückholen oder seine Aufmerksamkeit auf etwas Unerwartetes und radikal Neues lenken möchte. Und dann folgen da noch die Worte „Dein König kommt zu Dir“.

 

Es wird also kein Gast angesagt, -kein König aus einem fernen Land mit all seiner Exotik, -keiner auf Staatsbesuch, der eine Stippvisite macht und dann wieder verschwindet. Nein, hier ist von einem die Rede, der es auf Dauer mit uns zu tun haben möchte, denn uns wird kein geringer als „Dein König, unser König“ angekündigt. Doch das hat nichts mit Reaktion zu tun. Es ist auch kein Fall für Nostalgiker. Der König, von dem hier die Rede ist, will nicht bestaunt werden. Er will auch nichts von uns haben, sondern uns etwas bringen.

 

Die Überschrift dieses Textes stammt nämlich aus dem Bibelvers, der als Überschrift über dem 1. Advent steht. Er kündigt einen König an, der ganz offensichtlich nicht auf dem hohen Ross daherkommt wie einst Kaiser Wilhelm II. Für seinen Einzug in Jerusalem musste man eigens die Mauer Jerusalems durchbrechen, damit er würdig vonstatten gehen konnte. Er kommt auch nicht, wie es heute üblich ist, in einer dicken Limousine daher begleitet von einer Eskorte. Für ihn werden auch nicht die Ampeln auf grün und für den Querverkehr auf rot gestellt.

Was ihn auszeichnet, sind nicht viele schöne Reden und warme Worte, sondern Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft. Nicht an einem würdevollen, hoheitlichen Vorüberziehen ist ihm gelegen, sondern an einer persönlichen Begegnung. Wunden möchte er heilen und Recht herstellen, wo wir unter Ungerechtigkeiten leiden. Er möchte aber auch zu Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft anleiten und befähigen. Er kommt, um uns zu begegnen, aber auch um uns zu verändern und zu verwandeln. Das Warten auf ihn und die Begegnung mit ihm, soll, darf, ja muss Spuren in unserem Leben hinterlassen, -Lichtspuren der Gerechtigkeit, Lichtspuren der Hilfe und Liebe. Dass uns dies geschenkt wird und wir nicht nur formal warten, sondern von seinem Geist angerührt werden, das möchte ich uns in und für diese Adventstage von Herzen wünschen und damit eine erfüllte und gesegnete Zeit.

Kurseelsorger Friedrich Reitzig, Pfr.

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