Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.

Nehmt einander an, .... (Röm. 15,7)

Liebe Leserinnen und Leser,

die Losung für das Jahr 2015 stellt uns eine große Aufgabe, indem sie unser Miteinander zum Thema macht. Wir sollen einander annehmen. Das meint doch wohl einander akzeptieren und füreinander da sein. Was selbstverständlich und normal erscheint, ist bei genauer Betrachtung eine enorme Herausforderung. Denn hier werden uns nicht nur Menschen anbefohlen, die uns liegen, die wir sympathisch finden, mit denen wir es können, denen gegenüber wir Respekt empfinden und anderes mehr. Solche Zusätze fehlen gänzlich. Wir sollen einander annehmen ohne Wenn und Aber, - ja gerade dort, wo das Aber im Vordergrund steht und Gräben zwischen uns sichtbar werden und die sogenannten guten Gründe dagegen sprechen bzw. dagegen zu sprechen scheinen.

Für einander vorbehaltlos da sein, ist das aber nicht etwas zu viel verlangt? Der andere mit seinen Ecken und Kanten kann einem Mühe machen, uns an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit bringen oder uns schlicht abstoßen und aggressiv machen. Müssen wir uns das zumuten? -überdies, wenn uns Kulturschranken, Religions- und Mentalitätsunterschiede voneinander trennen. In Zeiten von PEGIDA & Co. ist dies schon des Nachdenkens wert. Diese Bewegungen proklamieren ja Distanz, Ablehnung und Abgrenzung. Nicht Annehmen, sondern Ausschluss ist da angesagt. Integration wird so unmöglich. Da gibt es schnell nur noch  ein Entweder Oder. Der Nächste wird zum Konkurrenten oder gar zum Feind, den es zu bekämpfen gilt. Die Islamisierung des Abendlandes wird als Horrorszenario an die Wand gemalt. Die Gewaltbereitschaft mancher islamischer oder pseudoislamischer Gruppen, zu denen die Attentäter von Paris, die IS, Al-Kaida und andere zu zählen sind, scheinen das zu unterstützen. Vordergründig hat man damit sicherlich manches Argument für sich. Aber ist das wirklich die größte Gefahr?

Das Abendland kann man nur islamisieren, wenn es entchristlicht ist bzw. sich entschristlichen lässt. Und vor diesem Hintergrund ist zu fragen, mit welch christlichem Pathos sind wir bisher den ehemaligen Gastarbeitern, den Flüchtlingen etc. begegnet? Wurde deren Aggression nicht auch durch unsere Abwehrmaßnahmen provoziert? Man denke nur an die Festung Europa. Von Annehmen und christlichem Füreinander da sein, ist da wenig zu spüren. Im Gegenteil, Abschiebung wird da groß geschrieben. Wohlstand teilen, ist nicht angesagt. Was Paulus und mit ihm Jesus dazu sagen würde?

Bevor man also vorschnell auf die Barrikaden steigt, sei an die Fortsetzung des oben genannten Pauluswortes erinnert „…, wie Christus Euch angenommen hat.“ Als Christen leben wir nicht von unserem Gutsein und unseren positiven Qualitäten, sondern davon, dass Christus uns angenommen hat. Sein ganzes Leben -angefangen bei Weihnachten bis hin zu Karfreitag- zeigt, in was für einer Welt wir leben. Lieblosigkeit, Hass, Brutalität gehören mit zu ihren Markenzeichen. Man denke nur an die Vielzahl der Kriegs- und Krisenherde unserer Tage. Doch gerade für Menschen, die dafür verantwortlich zeichnen, ist Jesus auf diese Welt gekommen. Ihnen, uns gibt er täglich neu eine Chance zum Leben. Rassen-, Religions- und andere Schranken zählen bei ihm nicht. Er hat für alle eine offene Tür und ist bereit, sie anzunehmen. Zeichenhaft kommt das in seinem Wort zum Ausdruck „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen.“ So sieht Annahme aus, -die Annahme, auf der unser Leben als Christen ruht. Und genau sie sollen wir auch anderen gegenüber praktizieren, -selbst dann wenn uns Unrecht geschieht. Denn so sagt Jesus: „Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dem halte auch die linke hin.“

Deshalb „nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.“ Dann wird die Welt besser. Angst kann weichen und Hoffnung einkehren, vor allem aber regiert dann die Liebe. Wenn wir so leben, brauchen wir uns nicht vor der Islamisierung oder Ähnlichem fürchten, denn die Liebe kennt keine Angst. Sie überwindet vielmehr die Angst mit der Kraft, die Jesus, unser Herr, uns gibt.

 

In diesem Sinn wünsche ich uns allen ein von der Liebe geprägtes Jahr 2015 und die Offenheit für die Menschen, die unsere Hilfe nötig haben und um unseren Beistand bitten.

Pfr. Friedrich Reitzig, Kurseelsorger.

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