Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.
Dr. Friedrich Reitzig, Pfr.i.R.

Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht (Jos. 1,5)

 – Gedanken über Gott und das Leben

Fallen
Neulich bin ich mit dem Fahrrad hingefallen, auf den Ellenbogen; die Wunde habe ich immer noch. Und nach dem Sturz war ich eine Zeit lang ganz neben mir. Wer fällt, kann sich nicht mehr halten oder wird nicht mehr gehalten. Wer fällt, verliert das Gleichgewicht; kommt  aus dem Lot.

Fallen gelassen werden
Noch schlimmer ist es, fallen gelassen zu werden. Gerade noch war man sicher. An der Hand, auf dem Arm, im Schutz, in der Gunst des anderen. Und dann wird man fallen gelassen. Was getragen hat, wird entzogen. Jede Sicherheit schwindet.

Verlassen und verlassen werden
Wer fallen gelassen wird, fühlt sich verlassen, allein gelassen, im Stich gelassen. Vertrauen geht verloren; Sicherheit schwindet auch hier.

Sich verlassen
Wenn wir jemanden vertrauen, sagen wir: „ich verlasse mich – auf Dich“. Wenn wir das wörtlich nehmen, dann heißt das: ein Mensch wagt den Aufbruch aus der eigenen Sicherheit und vertraut einem anderen. Er macht einen Schritt weg von sich selbst  (ich verlasse mich…); er geht auf den anderen zu (… auf Dich).

Mut, Vertrauen und Erwartungen
Zu solch einem Schritt gehören Mut und Vertrauen. Und natürlich haben wir auch Erwartungen an den, auf den wir uns verlassen: dass er uns nicht fallen lässt, z.B.; dass er Abmachungen einhält; dass er treu ist. Nur mit diesem Mut, und diesem Vertrauen können tragfähige Beziehungen entstehen, die wir Menschen brauchen um zu leben. Wir brauchen einander, wir brauchen Menschen, auf die wir uns verlassen können, von denen wir auch etwas erwarten dürfen. Solche Verlässlichkeit braucht auch unsere Gesellschaft, in der es so wichtig ist, Hand in Hand zu arbeiten, mit vereinten Kräften etwas auszurichten, vom Können von der Kraft, von der Zeit, der Stärke der anderen angesteckt zu werden, davon zu profitieren: sich auf den oder die anderen verlassen zu können.

Wir brauchen einander und erleben, dass Menschen uns enttäuschen. Dass auf sie kein Verlass ist. In unserer Enttäuschung wollen wir dann niemandem mehr vertrauen, uns auf niemanden mehr verlassen. Auch nicht auf Gott, selbst wenn er Josua wissen lässt „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht“. Es geht uns dann vielleicht wie dem Schüler, der schrieb: „Daran glaube ich nicht, weil in der Welt zu viel Leid geschieht: Gott hat alle fallen lassen“.

Hat auch Gott uns fallen lassen oder ist auf ihn doch Verlass?
Diese Frage kann natürlich nur jeder für sich selbst beantworten: Josua jedenfalls hat sich auf Gott verlassen: als er von Mose die schwere Bürde übernahm, das Volk Israel ins gelobte Land zu führen; als er später Kämpfe zu bestehen und gegen sein murrendes Volk unpopuläre Entscheidungen durchsetzen musste – da half ihm dieses Versprechen, das er für sich in Anspruch nimmt: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht“. Auch nicht, wenn es hart auf hart kommt.

Ein (anderer) Schüler drückt ähnliches Vertrauen (und erstaunlich viel Lebenserfahrung) aus, wenn er schreibt: „Der Spruch sagt ja nicht, dass du nicht hinfällst, sondern, dass Gott dich auffängt, wenn du hinfällst. Und dass er zu dir steht, bei allem, was Du tust“.

 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie das glauben und sich darauf verlassen können.

 

Barbara Vollmer

Ev. Pfarrerin in Bad Wurzach

 

 

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