Manchmal schlägt alles über uns zusammen. Von allen Seiten werden wir bedroht und bedrückt. Der Alltag nimmt uns schier den Atem. Es werden einfach zu viele Anforderungen, Ansprüche, Erwartungen an uns gestellt. Wie leicht verlieren wir da den Boden unter den Füßen, fühlen uns verlassen, vereinsamt, verraten und verkauft. Niemand hilft uns, niemand steht uns zur Seite, niemand tröstet uns … Wir verlieren den Mut, das Vertrauen in uns selbst, das Vertrauen in die Welt. Denn überall sehen wir nur Dunkles, Bedrückendes, Schmerzendes: Krieg, Hunger, Not, Krankheit, Tod, Verlust …
So sah das Leben des Pfarrers und Dichters Paul Gerhard während des 30-jährigen Krieges (1618-1648) aus! Auch wenn er diesen Krieg, der im 17. Jahrhundert Europa erschütterte, wohl nicht unmittelbar an Kriegsschauplätzen zu spüren bekam, waren diese 30 Jahre seines Lebens sicher nicht einfach für ihn. Er verliert seine Frau und vier seiner fünf Kinder. Einsam und verlassen stirbt er 1676 in Lübben im Spreewald.
Manchmal schlägt alles über uns zusammen …
Und doch – gerade diesem Mann verdanken wir eines der schönsten Sommerlieder des evangelischen Gesangbuches: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerszeit …“ Ein Lied mit fünfzehn Strophen! In bunten Worten wird die Lebendigkeit und Farbenpracht des Sommers beschrieben. Blumen, Bäume, Vögel, Insekten, Tiere des Bauernhofes, Weinstock und Getreide blühen, rauschen, flattern, springen, wogen, wimmeln – freuen sich ihres Daseins. Ein Schöpfungsgemälde der besonderen Art! Kinder setzen die Worte gerne in farbenfrohe Bilder um und erleben beim Malen etwas von der Schöpferfreude und der Freude an der Schöpfung. „Ich singe mit, wenn alles singt!“ heißt es in der 8. Strophe.
Nun, Kinder können sich vielleicht noch so unbelastet freuen. Aber Erwachsene, die den Ernst und die Sorgen des Lebens kennen und bewältigen müssen? Wie konnte ein Mann wie Paul Gerhard damals - wie können wir heute in unserer unvollkommenen Welt so jubeln?
Wenn Sie dieses Lied einmal googlen oder im Evangelischen Gesangbuch Nr. 503 aufschlagen und nachlesen, finden Sie die oben genannten acht Naturstrophen, die schon Anlass zur Freude geben könnten.
Aber – der Dichter bleibt nicht in der schönen Natur und der Schöpfung stecken. Er sieht über die Welt hinaus in Gottes wunderbare Ewigkeit. Nicht als billige Vertröstung im weltlichen Leid, sondern als Ursprung und Ziel seines Lebens. Weil es in Gottes Ewigkeit einmal unvorstellbar schön werden wird – das ist Paul Gerhards feste Gewissheit – kann er die vorstellbaren, begreifbaren Schönheiten seiner alltäglichen Welt als Abbilder, Vorboten, Versprechen erleben und loben. Groß ist seine Sehnsucht nach der endgültigen Heimkehr zu Gott, nach der Ewigkeit, aber jetzt ist er noch hier in seinem kleinen, großartigen Leben auf dieser unvollkommenen, wunderschönen Erde. Und hier will er leben, bestehen, da sein und Gott loben. Diese hoffnungsfrohe Verwurzelung formuliert er in den letzten drei Strophen seines Sommerliedes:
„Hilf mir und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
dass ich DIR stetig blühe;
gib, dass der Sommer DEINER Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe.
Mach in mir DEINEM Geiste Raum,
dass ich DIR wird ein guter Baum
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu DEINEM Ruhm
ich DEINES Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.
Erwähle mich zum Paradeis
und lass mich bis zur letzten Reis‘
an Leib und Seele grünen,
so will ich DIR und DEINER Ehr
allein und sonsten keinem mehr
hier und dort ewig dienen.“ EG 503, 13 – 15
Wenn diese Hoffnung, diese Erwartung, diese Bitte auch die unsere ist, kann ruhig manchmal alles über uns zusammenschlagen. Dann wissen wir, dass wir unser Leben mit Gottes Hilfe in allen Schwierigkeiten bewältigen und überleben werden. Dann können wir wir – vielleicht - sogar mitsingen!
Christine Silla – Kiefer, Bad Wurzach,
Prädikantin der evangelischen Landeskirche Württemberg
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Friedrich-Reitzig@t-online.de.